Ein kleiner, völlig aus dem Zusammenhang gerissener Ausschnitt aus dem formidablen Roman 'Die unfreiwilligen Reisen des Albert Harrnischfeger'

Obwohl noch gar nicht erschienen, verleiht die Deutsche Beobachtungsstelle für literarische Qualitätskontrolle dem Buch schon heute das Prädikat GABW (Ganz Arg Besonders Wertvoll)

 

 

Zuerst war er sich nicht sicher, ob er wirklich vor dem richtigen Mietshaus stand. Niemand mit dem Namen Stürmer war auf den Klingelschildern zu entdecken. Möglicherweise wohnte Ludwig in dieser Wirklichkeit nicht hier, oder aber Ludwig existierte in dieser Welt nicht, was noch viel schlimmer wäre! Ohne einen Vertrauten, dem er die ganze Geschichte würde erzählen können, fühlte sich Albert nun gänzlich aufgeschmissen. Möglicherweise aber wohnte Ludwig doch dort, eines der Klingelschilder war unbeschriftet. Albert klingelte und als sich über die Gegensprechanlage niemand meldete, läutete er ganz unten in einer der beiden Parterrewohnungen. Sogleich ertönte ein Brummen, er drückte gegen die Tür und ging hinein. Die Frau, die ihm jetzt in einem rosafarbenen Bademantel entgegenkam, konnte ihm jedoch keineswegs weiterhelfen. Ein Herr vom Aussehen Ludwigs sollte aber hier keinesfalls wohnen, meinte sie schließlich. So ein stattlicher Mann wäre ihr unter Garantie aufgefallen. Bei diesen Worten hatte sie Albert mit verklebten Wimpern angeblinzelt, was dieser aber kaum zur Kenntnis nahm, und sich daraufhin gleich wieder höflich dankend verabschiedete.

Verdammt, er bräuchte jetzt endlich einmal einen Computer! Dann fiel ihm ein, heute Morgen an einer alten magentafarbenen Telefonzelle vorbeigekommen zu sein, wahrscheinlich eine der letzten ihrer Art, nahm Albert an. Am Nordeingang zum Park war das gewesen, fiel ihm schließlich noch der Standort ein. Wenn er Glück hatte, würde er dort noch ein zerfleddertes Telefonbuch finden! Wenn er sehr viel Glück hatte! Und tatsächlich hatte er genau nun dieses Glück.

Stürmer, Ludwig, Musikproduzent‘, stand dort und auch die Adresse war abgedruckt, was ja nicht unbedingt mehr üblich ist. ‚Anatol-Stiebnitz-Weg 15.‘

Musikproduzent, wow‘, dachte Albert. Wenn es sich denn bei dem Mann um seinen Ludwig Stürmer handelte? Bei dem Namen konnte es durchaus sein, dass es mehrere davon gäbe, ganz im Gegenteil zu seinem eigenen, der doch weitaus ungewöhnlicher war. Er würde es jedenfalls versuchen müssen und schätzte die Chance, einen Treffer gelandet zu haben als nicht ganz schlecht ein. Immerhin hatte auch der Ludwig, den er kannte, in seiner Jugend leidenschaftlich musiziert, wie Albert sehr wohl wusste, da er sich manche der Anekdoten aus dieser Zeit in Ludwigs Leben mehr als einmal hatte anhören müssen.

Wieder verfluchte Albert diesen unseligen Ecu, mit dem hier bezahlt wurde, allein die dämliche Bezeichnung für die Währung hatte sich anscheinend geändert und jetzt traute er sich nicht mit dem Bus in denjenigen Stadtteil zu fahren, in welchen ihn die ominöse Adresse führte. Er würde also wohl laufen müssen, und noch dazu bei dieser Hitze! Er schätzte, das Thermometer hatte längst schon wieder die 30 Grad Marke überschritten, da würde dies ein anstrengender Spaziergang werden.

 

Wirklich wurde das Laufen von Minute zu Minute strapaziöser, in der Zwischenzeit ging es auf Mittag zu und die Sonne brannte heiß auf den Eschenfelder Asphalt hinab. Auch die Gebäude vermochten keinen schützenden Schatten mehr zu spenden. Dann war Albert endlich an der Allee angekommen, und zwei endlos scheinende Reihen von Pappeln säumten nun einen Weg, der lediglich für Fußgänger und Fahrradfahrer zugelassen war. Immerhin konnte man hier wieder etwas freier durchatmen. Hätte er den Fußweg an der Straße entlang genommen, wäre er schneller am Ziel gewesen, doch nahm Albert nur allzu gerne diesen Umweg in Kauf. Er glaubte, wenn er den kürzeren Weg gewählt hätte, wäre er irgendwann mit einem Sonnenstich in die Klinik eingeliefert worden.

Die Allee führte, verfolgte man sie weiter, in einen englischen Landschaftspark weit vor den alten Toren der Stadt gelegen. Aber ganz so weit würde er nicht laufen müssen, wusste Albert. Obwohl er nicht genau sagen hätte können, wo der Anatol-Stiebnitz-Weg lag, so hatte er doch eine ungefähre Ahnung und schlug nach Überquerung der Trasse einer stillgelegten Bahnstrecke den Weg nach links ein, der ihn in besagten Vorort führen würde. Kaum hatte er die Allee verlassen, brannte auch schon wieder die Sonne erbarmungslos auf seinen Kopf nieder. Er wünschte sich eine Mütze, vielleicht würde ihm Ludwig eine leihen können? Albert hatte den Eindruck, dass es von Tag zu Tag heißer wurde, oder vielleicht eher von Welt zu Welt, ein Umstand, der ihn einigermaßen verwunderte. Immerhin existierten zwischen den Wirklichkeiten durchaus Unterschiede, auch wenn diese sich bisher noch nicht als vollkommen verstörend und verwirrend herausgestellt hatten, wie er, bevor er das letzte Mal in den verwunschenen Schrank eingetreten war, begonnen hatte zu befürchten. Warum also waren die Wetterbedingungen immer die Gleichen? Könnte es nicht einmal wenigstens ein klein wenig regnen?

Nachdem er an einer alten Kleiderfabrik vorbeigekommen war, wo höchstwahrscheinlich nur noch verschiedene Modelle erstellt wurden und die Endproduktion in Indien oder China stattfinden würde, entdeckte Albert jetzt das Straßenschild, nach dem er die ganze Zeit über Ausschau gehalten hatte. Vor ihm lag der riesige Parkplatz eines Gebrauchtwagenhändlers, auf welchem sich ein älteres Ehepaar gerade etwas aufschwatzen ließ. Warum sahen Gebrauchtwagenhändler, trotz ihrer meist sehr anständigen Kleidung dennoch immer aus wie Schiffsschaukelbremser, wunderte sich Albert wieder einmal? Dann eine längst geschlossene Fabrikationshalle eines wohl pleitegegangenen Unternehmens, dessen Name er durchaus einzuordnen wusste. Sieh an, dachte er noch, auch hier haben die geschlossen. Dann endlich die Hausnummer 15!

Ein zweistöckiges Haus mit spitzem Giebel und Schieferdach; es musste sich um das ehemalige Verwaltungsgebäude der Fabrik handeln, die schon im Dritten Reich dort angesiedelt gewesen war, dachte Albert. Er war hier selten nur vorbeigekommen, obwohl er doch beinahe sein ganzes Leben in Eschenfeld zugebracht hatte. Er glaubte, einmal irgendwo gelesen zu haben, dass dort, wo vor fünfzehn Jahren noch Autositze hergestellt wurden, noch viel früher Teile zur Rüstung produziert worden waren. Er hatte noch den Terminus ‚Kriegswichtiger Betrieb‘ im Hinterkopf behalten. Das Gebäude musste wohl schon weitaus bessere Zeiten gesehen haben. Es wirkte nicht so, als hätte es in den letzten Jahrzehnten irgendetwas von Wichtigkeit beherbergt. Es sah viel eher so aus, als wäre es einfach von der Zeit vergessen worden und verfiel langsam aber sicher ganz einfach hier am Rande der Stadt.

Immerhin waren noch keine Löcher im Dach zu erkennen, fiel Albert auf. Eine fünfstufige, breite Steintreppe führte hinauf zu einer doppelflügeligen Tür. Dort wo einst Glasscheiben gewesen sein mussten, waren nun Spanplatten aufgeschraubt worden. Das Haus wirkte jedenfalls nicht so, als würde es bewohnt sein; kein Mensch, der noch ein Fünkchen Verstand besaß, würde in einem derartig heruntergekommenen Bauwerk sich niederlassen wollen. Doch prangten oberhalb des Eingangs in fröhlichen, auf ein längliches Holzschild gemalten Lettern die Worte ‚Shabby Road Studios‘. Albert konnte sich allenfalls vorstellen, dass zwei, drei Bands bestehend aus jungen Rockern hier möglicherweise ihre Proberäume haben könnten. Für ein Musikstudio, wie er sich dies vorstellte, schien ihm das ganze Ambiente jedenfalls allzu heruntergekommen zu sein.

Zu seiner Überraschung jedoch fand Albert schließlich neben der Tür tatsächlich einen einzelnen runden Klingelknopf, wie er wohl in den Fünfzigern modern gewesen sein musste. Wahrscheinlich aus dem gleichen Stoff gegossen, aus welchem diese uralten, schwarzen Telefone waren.

Zögerlich läutete Albert. Einmal, zweimal, dreimal! Nichts tat sich! Was hatte er eigentlich erwartet, dass eines der Fenster aufginge, von denen die meisten, die sich in seiner Sichtweite befanden, ebenso mit Spanplatten vernagelt waren wie der obere Teil der Eingangstür? Es musste sich um einen Irrtum handeln! Zumindest würde Ludwig hier nie und nimmer wohnen, schon alleine weil man hier allerhöchstens hausen würde können, überlegte Albert. Zwar war sein Freund nun keineswegs der Ordentlichste, seine Wohnung war in einem ähnlich schlampigen Zustand wie das Häuschen Alberts auch. Doch konnte der sich jetzt nicht vorstellen, dass Ludwig in diesem Horrorhaus leben könnte. Dann kam ein quietschendes Geräusch aus dem Inneren. Eine Tür schlug zu! Ein Schlüssel drehte sich knirschend im Schloss. Die Tür öffnete sich langsam nach innen, der untere Rand des Türblatts kratzte über den Betonboden dahinter.

Ein großer, dicker Mensch stand vor Albert, angetan mit Jeans, T-Shirt und einer bunten gehäkelten Weste. Auf dem Kopf hatte er ein ebenso buntes Käppi unter welchem ein langer, blonder Pferdeschwanz hervorschaute, der ihm weit über die Schultern hinabfiel und einen seltsamen Kontrast zu dem weißen Walroßchnäuzer bildete.

„… Ludwig?“, stammelte Albert.

Ach, du bist dieser Vincent, der den AC 30 ansehen wollte, stimmt‘s? Das hätte ich jetzt echt fast schon wieder vergessen. Komm rein, bring Glück herein!“, sagte der große Kerl jetzt rätselhafterweise. Albert war sich keinesfalls sicher, dass es sich hier um Ludwig handelte. „Du kannst mich übrigens Lou nennen, ist mir irgendwie lieber!“

Albert lief leicht benommen dem Mann hinterher, der die Tür anscheinend einfach offen stehen lassen wollte. Es roch aus dem Inneren des Hauses genauso nach Schimmel und Sporen, wie Albert sich vorgestellt hatte.

Ich hab das Teil oben stehen“, meinte nun nämlicher Lou und lief auch schon die Treppe hinauf, die linker Hand nach oben führte. Er war für seine Statur erstaunlich flink auf den Beinen, obwohl er wirklich unförmig gebaut war, viel dicker noch als Ludwig, konnte Albert jetzt feststellen.

Neue Originalröhren“, erklärte der Dicke nun dem anderen, der sich anstrengen musste mit dem Mann Schritt zu halten, ohne sich nach ihm umzudrehen. „Naja, was heißt neu, zugegeben, ich hatte die mal vor fünf Jahren bestellt, bin aber erst vor ein paar Monaten dazu gekommen, sie einzubauen und einzumessen. Rotzt aber wieder wie in den Sechzigern, das kann ich dir versprechen! Und keine Angst, ich habe immerhin mal Physik studiert, ob du‘s glaubst oder nicht!“

Glaub ich sofort!“, brummelte Albert, als sie im ersten Stock vor einer Tür standen, die nun wirkte wie eine gewöhnliche Wohnungstür in einem Altbau; dunkles lackiertes Holz, dicke, undurchsichtige raue Glasscheiben, im Türstock die Andeutung von Säulen eingefräst.

Komm rein, vielleicht einen Kräutertee?“, meinte der Dicke jetzt und drehte sich endlich nach seinem Gast um.

Gerne“, murmelte Albert.

Ginseng, Brennessel, Mate, Rotbusch, Anis, Pfefferminz?“

Äh ja!“, meinte Albert unentschlossen.

Okay, dann ein Bierchen, oder?“ Der Mann war in einen engen schlauchförmigen Flur getreten, von welchem auf beiden Seiten etliche Türen abgingen; die Raumhöhe war enorm, man hätte beinahe einen Basketballkorb in der richtigen Höhe aufhängen können.

Klingt irgendwie besser, ja!“, sagte Albert und blieb an der Tür zu einer Küche stehen, die beinahe ebenso schmal war wie der Flur. Auf einer Seite die übliche Küchenzeile mit Geräten, auf der anderen ein kleines Tischchen mit zwei unansehnlichen schwarzen Holzstühlen. Der Dicke öffnete mit Schwung den großen Kühlschrank, der recht laut seine 50 Hertz vor sich hin brummte, und hatte gleich zwei grüne Flaschen einer norddeutschen Biermarke in Händen. Es ploppte zweimalig, und schon war eine der Pullen in geöffnetem Zustand in Alberts Hand gelandet, wo sie alsbald den Angriff ihrer Kollegin mit einem Pling über sich ergehen lassen musste.

Prost“, meinte der große Mann, von dem Albert immer noch nicht sagen konnte, ob es sich denn tatsächlich um den hiesigen Ludwig handelte oder eben nicht. Dann tappte der, die Flasche in der Hand, zurück auf den Flur und winkte Albert, ihm zu folgen. Auf der anderen Seite stand wieder ein hoher, graulackierter Durchgang offen, dahinter ein Arbeitstisch, auf dem allerlei Werkzeug herumlag. Albert konnte einen Lötkolben erkennen, um welchen unordentlich allerlei elektronische Bauteile herumlagen. Auf dem Boden vollkommen zerlumpte Läufer, die keinerlei Ursprungsfarbe mehr erkennen ließen.

Da steht er der alte Knabe!“, meinte jetzt Lou und deutete auf einen Gitarrenverstärker in der Ecke, auf dessen Vorderseite der Markenname Vox zu lesen war. Ein Schalter wurde gedrückt, ein rotes Lämpchen leuchtete auf und nach einer Weile begann es laut zu brummen, woraufhin der Dicke nun eine Fender E-Gitarre in die Hand nahm und mit einem laut knacksenden Geräusch ein Klinkenkabel einsteckte.

Hier, versuch mal dein Glück, Vincent!“, forderte Lou nun seinen Gast auf, der aber keine Anstalten machte, sich das Instrument umzuhängen.

Ich heiße Albert“, sagte Albert, als ob dies irgendetwas erklären würde.

Nicht Vincent?“, fragte Lou stirnrunzelnd, dann erhellte sich jedoch seine Miene auf der Stelle wieder. „Ach so, du kommst wegen dem Probenraum, sag das doch gleich! Müsste allerdings zuallererst mal entmüllt werden, bin noch nicht dazugekommen! Diese Chaoten von Female Antagonist, oder wie immer die Punker sich nannten, haben das Leergut des ganzen letzten Jahres hinterlassen, kommt mir vor!“ Ein schrilles Klingeln ertönte von irgendwoher. „Ah, das muss aber jetzt Vincent sein. Das ist aber auch ein Betrieb heute! Setz dich kurz mal rüber ins Wohnzimmer, bin gleich zurück!“ Lou stellte die Stratocaster in einen Gitarrenständer und kurz darauf konnte Albert ihn wieder die Treppe hinunterstapfen hören.

Alleingelassen beschloss Albert, sich einfach mal in der Wohnung des kauzigen Dicken umzusehen. Möglicherweise könnte er irgendetwas finden, das auf seine Identität hinweisen würde. Allerdings sah er Ludwig verblüffend ähnlich, lediglich schien dieser Lou noch erheblich dicker zu sein. Auch die Stimme klang wie diejenige seines Freundes, dachte Albert, aber irgendwie etwas heiserer. Und dann noch dieser David Crosby Schnäuzer! Er tappte hinüber in das Zimmer, das Lou als Wohnzimmer ihm angezeigt hatte, und kam in einen Raum dreimal so groß wie die beiden anderen Zimmerchen am Anfang des Flurs. Eine riesige bequeme Couch stand rechts an der Wand und zwei nicht ganz dazu passende Sessel mit ähnlichen Stoffbezügen auf der anderen Seite eines niedrigen Holztischchens, auf dem sich allerlei Utensilien zum Rauchen angesammelt hatten. Zwei winzige Pfeifchen, Zigarettenpapier, eine Packung schwarzer Krauser und ein Päckchen Camel Filter lagen darauf herum, neben einer Fernsehzeitung, was Albert nun doch überraschte, hielt er ein solches Presseerzeugnis in Zeiten des Internets für eine Erscheinung aus längst vergangenen Tagen. Es stand hier allerdings auch nirgendwo ein Computerbildschirm oder ein Laptop herum, wie er jetzt feststellen musste. Schade, dachte er, mit Hilfe des Internets würde er wohl am schnellsten dahinterkommen, inwiefern sich diese neue Welt von der seinigen unterschied. Immerhin thronte auf einer Kommode in der linken Ecke ein recht großes Röhrenfernsehgerät, auch die Nachrichten waren immerhin gut dazu, Informationen zu sammeln.

Zahlreiche Bilder, Fotografien sowie Gemaltes hing überall an den Wänden unsymmetrisch verteilt, und als Albert nähertrat und sich einige der Bilder betrachten wollte, hörte er die Füße zweier Menschen die alte Treppe heraufkommen, gleich darauf jaulte in ohrenzerfetzender Lautstärke der Verstärker los.

Aha, Vincent‘, dachte Albert bei sich und fuhr mit der Betrachtung der gerahmten Fotografien fort. Schon das erste Foto bestätigte jetzt die Identität des Mannes, der sich lieber Lou an Stelle von Ludwig nennen lassen wollte. Ein Bild von Brummkreisel Indifferenz im Proberaum, dann eines vor einem bunt bemalten Bandbus, wobei man sich unwillkürlich dabei ertappte zu fragen, wie diese ganzen Musikanten samt Equipment in dem Bully bloß Platz hatten finden können. Auch trug der Wagen in verschlungenen, psychedelischen Buchstaben den Namen der Band auf der Seite. Genau das gleiche Foto, nun vielleicht nicht ganz genau das gleiche, aber immerhin ein ganz ähnliches, hing auch bei Ludwig, seinem Ludwig, im Wohnzimmer über der Couch, allerdings vergrößert und digital bearbeitet, so dass die Farben wesentlich mehr leuchteten, als auf dieser verblichenen Aufnahme.

Der reine Wahnsinn‘, dachte Albert. Das Leben des hiesigen Ludwig muss in ganz anderen Bahnen verlaufen sein als das seines Freundes. „Und kiffen tut er auch immer noch, ts, ts!“, murmelte er mit leichter Missbilligung vor sich hin, sich die Utensilien auf dem Tisch betrachtend. Er hatte es in jungen Jahren einmal versucht, dabei war ihm jedoch so schlecht geworden, dass er für alle Zeit die Finger davon gelassen hatte. Ludwig meinte dazu, dass er selbst, wenn er heute einmal an einem Joint zöge, er lediglich schläfrig werden würde und er es daher aufgegeben hatte, war aber durchaus der Meinung, wenn er an Schlaflosigkeit litte, würde er sich nicht scheuen, sich etwas Gras zu besorgen. Dieser neuerliche Ludwig hatte da anscheinend ganz andere Gewohnheiten.

Albert lief von Bild zu Bild bis er vor dem nicht gerade sauberen Fenster, das auf einen seitlich vom Haus sich befindenden Hof hinausging, stehenblieb und hinausschaute. Dort unten stand ein alter VW Passat, dessen Farbe sich nicht zwischen einem Gelb und einem schmutzigen Hellbraun hatte entscheiden können, mit etlichen Roststellen, wie man sogar von hier oben deutlich erkennen konnte. Anscheinend fuhren die meisten Ludwigs einen Volkswagen, dachte Albert.

Jetzt verstummte das Gejaule der Gitarre, nur um gleich darauf von einem Heavymetal Riff abgelöst zu werden, dann hörte Albert die Stimmen der beiden auf dem Flur.

Ich überleg's mir noch mal, Mann, aber danke!“, hörte er jetzt einen noch jugendlich klingenden Menschen sagen. „Vielleicht krieg ich doch den Boogie aus der Bucht!“

Ja, aber bring mir die Kiste nicht gleich zum Reparieren vorbei!“, war jetzt Lou zu vernehmen, er klang keineswegs so verärgert, wie man hätte erwarten können. „Ich hab auch noch einen 71er Marschall in Arbeit, da fliegt dir der Kopp nach hinten, kansste mir glauben!“

Dann ruf ich noch mal an! Tschüss!“

Bis denne!“

Deutlich waren die Stimmen der beiden zu hören gewesen, die sich verabschiedeten. Jetzt knarzte die Eingangstür über den Boden und knallte zu. Eine Minute später stand auch schon wieder Lou vor Albert, der sich nun sicher war, dass es sich bei diesem tatsächlich um eine andere Version seines Freundes Ludwig handelte. Geschäftig trat der Dicke ins Zimmer, in der Hand immer noch die Bierflasche, die er jetzt leer auf dem Tisch abstellte, dann ließ er sich mit seinem ganzen Gewicht aufs Sofa plumpsen.

Also, der Raum unten, wie gesagt, irgendjemand müsste dort erst einmal aufräumen! Aber ich könnte euch eine Monatsmiete erlassen, wenn ihr das selbst hinkriegen könnt! Ansonsten wären es sechzig Ecu monatlich! Und solange ihr nicht die Stromrechnung in astronomische Höhen treibt, können wir's auch dabei belassen. Wie heißt du nochmal, und was spielt ihr denn für ne Mucke?“

Ich bin Albert“, sagte daraufhin Albert und legte in diese Worte eine gewisse Dringlichkeit, so als ob er erwartete, dass dieser neue Ludwig ihn am Ende doch erkannte. „Und ich spiele eigentlich überhaupt kein Instrument!“

Ah, haha!“, lachte der Dicke und ließ seinen Blick über Albert gleiten, der immer noch verzagt vor dem Fenster stand. „Du siehst mir gar nicht aus wie der Sänger, eine Frontsau habe ich mir irgendwie anders vorgestellt. Aber gut, ist ja fast mal was Neues, so ein Kerl ganz ohne Tattoos, weder auf Armen noch im Gesicht!“

Mit dieser Aussage wusste Albert nun wieder einmal überhaupt nichts anzufangen. Er war allzu sehr damit beschäftigt, wie er diesem Ludwig die ganze Geschichte verklickern sollte. Gleichzeitig fragte er sich, ob überhaupt etwas mit dieser Version Ludwigs anzufangen sein würde, der Kerl sah ihm nicht gerade so aus, als könne er die Sache wirklich verstehen!

Noch ein Bierchen?“, fragte Lou jetzt und schon war er flinken Schrittes hinausgeeilt, um sogleich wieder mit Nachschub in der Tür zu stehen, ohne die leeren Flaschen abgeräumt zu haben. „Setz dich erst nochmal, es ist ja noch früh am Tag!“, meinte er schließlich, ließ sich wieder fallen und hatte schon die Flasche an seinen wulstigen Lippen.

Wieder zweifelte Albert an dem Mann, der nun auch noch damit begann, sich kunstgerecht einen Joint zu drehen. Doch besann er sich schließlich, setzte sich dem Dicken gegenüber und fing an zu erzählen.

Also Ludwig, das klingt jetzt vielleicht zuerst mal ein bisschen seltsam, aber in einem anderen Leben sind wir beide recht gute Freunde …!“ Albert sah hinüber zu dem konzentriert mit seinem Origami beschäftigten Mann, immer noch voller Zweifel, dann redete er einfach weiter und weiter und weiter.

 

 

 

Lou

 

Das war vielleicht ein Morgen. Kaum war ich einigermaßen wach, klingelte es schon, dabei war ich mir im ersten Moment in keiner Weise bewusst, dass sich jemand angekündigt hatte. Da fiel mir aber gleich dieser Vincent ein, der sich für den AC 30 interessierte, und als ich auf den Wecker sah, nahm ich an, das müsse wohl der Typ sein, der anscheinend ein wenig überpünktlich war. Irgendwann stellte sich dann heraus, dass der Kerl, der sich später mit dem Namen Albert vorstellte, weder an dem Amp noch an dem Proberaum im Keller Interesse hatte. Und die Geschichte, die mir dieser Albert bald darauf auftischte, übertraf alles an Verrücktem und Abgefahrenem, was ich in meinem ganzen langen Leben bisher mir hatte anhören müssen.

Es fing damit an, dass er mir mitteilte, dass wir beide, also er selbst und meine Wenigkeit, in einer anderen Welt die besten Freunde wären. Das heißt, in dieser anderen Wirklichkeit, wie er sich ausdrückte, wäre ich allerdings keineswegs die Person, die ich bin, sondern hätte sozusagen ein völlig anderes Leben gelebt. Dass ich mir, als ich mir das anhörte, unbedingt einen zweiten Joint bauen musste, versteht sich beinahe von selbst. Hätte ich das nicht getan, ich glaube nicht, ich hätte dem wirren Gestammel dieses Albert länger als zwei Minuten folgen können.

Er und ich sollen in besagter anderen Welt Kollegen sein und wir würden beide an der Geschwister-Scholl-Gesamtschule unterrichten. Er Englisch und Deutsch und ich Physik und Mathematik. Das war nun wirklich derart abstrus, dass ich höchstwahrscheinlich ein ziemlich dummes Gesicht gemacht haben musste. Jedoch hielt mich irgendetwas davon ab, den Irren einfach hinauszuwerfen. Es lag ein solcher Ernst und eine Dringlichkeit in seiner Stimme, dass ich schließlich nicht anders konnte, als ihn bis zum Schluss anzuhören. Erst als er schon fast zum Ende seiner Story gekommen war, stellte ich noch einige Fragen. Obwohl ich mir immer noch keineswegs vorstellen konnte, dass der Typ keinen Dachschaden hatte, setzte ich mich dennoch mit dem Erzählten auseinander. Irgendwie begann die Sache mich zu amüsieren, und außerdem soll man mit Wahnsinnigen ja besonders vorsichtig umgehen!

Ich wollte schließlich doch etwas mehr über mein eigenes anderes Ich erfahren, wie es sich dieser Albert anscheinend so bildhaft ausgemalt hatte, und seltsamerweise, so schien es mir dann allmählich, hatte vieles von dem, was er wie nebenbei erwähnte, Hand und Fuß. Tatsächlich hatte ich in jungen Jahren begonnen Physik und auch Mathe zu studieren an der alten Goethe-Uni, und die letzten fünf Jahre mich für das Lehramtsstudium eingeschrieben, aber im Grunde hatte ich dies alles letztlich nur wegen der Krankenkassenbeiträge getan. Kurz danach begann es derart gut mit der Band zu laufen, dass ich gar nicht mehr auf dem Campus aufgetaucht bin. Ich glaube, kaum einer der Dozenten, deren Kurse ich belegt hatte, kannte überhaupt nur meinen Namen. Im Prinzip hatte ich für ein ernsthaftes Studium auch gar keine Zeit. Seit das erste Album erschienen war und sich langsam bei Kritikern der Begriff Krautrock zu etablieren begann, waren wir eigentlich ständig auf Achse. Und das obwohl wir damals nur davon träumten, wirklich von der Musik alleine leben zu können! Bei den Auftritten in winzigen, neugegründeten Clubs oder Jugendzentren war wirklich nicht viel zu holen, auch deswegen kam Heribert damals auf die Idee, eine Landkommune zu gründen. Im Übrigen waren wir die Ersten im Land, die das Projekt einer solche Musikerkommune damals in Angriff genommen hatten, viele haben es hinterher kopiert, glaube ich heute immer noch. Das Seltsamste daran war eigentlich, dass ein Haufen junger Leute, von denen die allermeisten aus irgendwelchen Kuhkäffern gerade erst in die große Stadt gezogen waren, um dem kleinbürgerlichen Mief der Provinz zu entkommen, dann ein paar Jahre später genau dorthin wieder zurückkehrten, und das noch dazu freiwillig!

 

 

 

 

Die Räuber

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Nicht von Ungefähr - 2.

Noch immer hat keiner einen Vorschlag gemacht, wie es denn mit dem armen Nicht weitergehen könnte

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Die Räuber (Do, 21 Jun 2018)
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Die Sache mit den Eiern (Sat, 23 Dec 2017)
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Neuigkeiten des Schreiberlings

Das Gezeitensieb... es geht langsam in die Endphase

Über das Buch

 

 

Das Gezeitensieb steht in der großen Tradition des mäßig bekannten literarischen Genres ‘Magische Phantasmagorien satirischer Machart‘, welches völlig zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist.

 

Es wimmelt in dieser epochalen Trilogie geradezu von Gestalten, die kein halbwegs gesunder Menschenverstand jemals würde ersinnen können; möchte man zumindest meinen.

 

Sternmunkel, Wolpertinger, die seltsamen Hurveniks, und last but not least, ein waschechter wasirischer Braunbär in seltsamer Verkleidung. Sprechende Vögel, ein wandlungsfähiger Vampyr; höllische Dämonengestalten, an denen pausenlos das schlechte Gewissen nagt und sogar des Teufels Großmutter höchstpersönlich, finden Erwähnung in diesem unvergesslichen Roman. Allesamt Gestalten, die man nicht mehr so schnell loswerden wird können.“

 

 

Dies berichtete Gunnar Lavendelzwirn im Weentbehler Anzeiger, verantwortlicher Chefredakteur für kulturelle Fangfragen.

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